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Dirty Tones - You don't care

Dirty Tones - You don't care

by Aydogdu Fatih

Dirty Tones – ‘You don’t care’ Soundscape von Fatih AYDOGDU Weiße Kultur hat immer normative Autorität beansprucht, indem die eigenen kulturelle Praktiken als „regulär“ markiert und die der „Anderen“ als „deviant“ abgewertet werden. In der Musik zeigt sich die Konstruktion des Anderen beispielsweise an den so genannten „Dirty Tones“. Während das „Andere“ kategorisiert, festgeschrieben und markiert werden muss, wird das „weiße Selbst“ überaffirmiert und ein weißes, unmarkiertes Kollektiv sozial, juristisch und politisch hergestellt. In der afrikanischen, asiatischen oder afroamerikanischen Musik ist die genaue Einhaltung einer bestimmten Tonhöhe, wie sie in der europäischen/westlichen Musik lange Zeit das Maß aller Dinge war, nicht strukturell und statisch verankert. Um diesen Unterschied zu markieren und als „deviant“ abzuwerten, prägten westliche KritikerInnen im Laufe der Musikgeschichte den Begriff „dirty tones“. Diese so genannten „dirty tones“ sind demnach Ausdruck der Unfähigkeit von Schwarzen MusikerInnen in einem Ensemble zu spielen, denn sie seien nicht in der Lage eine Tonhöhe exakt einzuhalten und würden daher „falsch“ spielen. Insbesondere die spezifische Art der Intonation im Zusammenhang mit den ersten Schwarzen JazzmusikerInnen wurde/wird von der Mehrheit der Weißen als „schmutzig“ empfunden. Übersehen wurde bei dieser Definition und Interpretation, dass „dirty tones“ auf das Bestreben Schwarzer MusikerInnen zurückzuführen ist, pentatonische Grundmuster ihrer afrikanischen Musiktradition in neu entstandene Musikrichtungen zu integrieren. Beispielsweise hat die Tonhöhe im afrikanischen Gesang eine gänzlich andere Bedeutung als im europäischen: In vielen westafrikanischen Sprachen sind grammatikalische Zusammenhänge von der Tonhöhe der gesprochenen Silbe abhängig und in der Folge kann auch eine gesungene Melodie nicht getrennt von diesen grammatikalischen Zusammenhängen gebildet werden. Nicht nur anhand der Fehlinterpretation der „dirty tones“ zeigen sich die Vorurteile der westlichen Musikwissenschaft gegenüber nicht europäischen Musiktraditionen. Die Festschreibungen auf eine Essenz wird auch an der unzulässigen Kategorienbildung für innermusikalische Phänomene wie „off beat“, Polyrhythmik und Polymetrik ersichtlich. Sie wurden pauschal unter dem Begriff der Synkope zusammengefasst. Der Grund für diese Missinterpretationen liegt nicht zuletzt in der Unfähigkeit westlich sozialisierter Ohren so genannte Off-Beat-Phrasierungen, polyrhythmische und polymetrische Schichtungen zu erkennen, zu verstehen und sie historisch und geografisch zu kontextualisieren. Der Jazz, der am Ende des 19. Jahrhunderts mit den Schwarzen Arbeitskräften aus dem Süden in den Norden der USA wanderte, stellte einen radikalen Bruch mit den Hörgewohnheiten des weißen Publikums dar. Die rhythmische Komplexität, die den afroasiatischen Musiktraditionen eigen war, konnte von den meisten an euroamerikanische Monorhythmik gewohnten Weißen nicht verstanden und nachvollzogen werden. Die spezifische Intonation, das Fehlen von sich wiederholenden Melodiefloskeln und die enorme Vitalität der Kollektivimprovisationen stellten jenes Publikum vor Probleme, das versuchte den Jazz als Tanzmusik zu benutzen. Die Engagements, die trotz des Unverständnisses der Weißen an Schwarze MusikerInnen vergeben wurden, resultierten in der Hauptsache aus einer Mischung von Neugierde und der Lust am Exotischen. Diese Beispiele aus der westlichen Musikgeschichte zeigen, dass weiß-Sein nicht eine Frage der Hautpigmentierung ist, sondern ein gesellschaftlicher Status. Dieser ist mit einer Reihe von Privilegien verbunden wie die Definitionsmacht über afrikanischen, asiatischen oder afroamerikanischen Musiken.

 

http://www.parasite-net.eu/project/dirty_tones__you_dont_care

 

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